Das 67. Festival junger Künstler Bayreuth steht 2017 unter dem Generalthema
„Roots to the Future“.

Zurück zu den Wurzeln, die in die Zukunft führen.
Transkulturelle musikalische Kommunikation als Werkzeug für persönliche Entwicklung und kulturelles Wachstum im Zeitalter der Globalisierung.

„Ich möchte nicht, dass mein Haus auf allen Seiten mit einer Mauer umgeben ist und meine Fenster verrammelt sind. Ich möchte, dass die Kulturen aller Länder so frei wie möglich durch mein Haus wehen können. Aber ich weigere mich, mich von irgendeiner umwehen zu lassen.“ Mahatma Gandhi

„Logik bringt dich von A nach B. Deine Fantasie bringt dich überall hin.“ Albert Einstein

Leitsatz 1

Wenn Konflikte durch unterschiedliche Interessen bestimmt werden, lassen sich oft pragmatische Kompromisse finden. Wenn aber unterschiedliche kulturelle Werte als Teil der Auseinandersetzung interpretiert werden, entsteht Konflikte um Identität. Was liegt näher, als dann Kultur zu deren Lösung heranzuziehen?

Leitsatz 2

Werden Kunst und Kultur in den Dienst der Identitätsbildung gestellt, so schaffen oder stärken sie Ansatzpunkte oder Möglichkeiten, sich mit einer sozialen Großgruppe auch emotional zu identifizieren. Gruppen mögen ihre unterschiedlichen Interessen durch Kompromisse beilegen können – aber wenn es um die eigene Identität geht, sind Kompromisse selten. Wer ich bin, steht nicht zur Verhandlung, höchstens, was ich möchte. Durch die gemeinsame Arbeit von Vertretern unterschiedlicher Identitätsgruppen an Filmen, Theater, Musik, kann es jedoch gelingen, nicht nur an die Eigeninteressen von Menschen zu appellieren, sondern auch deren Gefühle und Identitäten anzusprechen und den Zusammenhang beider zu reflektieren.

Unser Ziel

Diese Zusammenarbeit führt zu Selbstvertrauen auf Basis gegenseitiger Wertschätzung. Regionale kulturelle Werte werden respektiert, bewahrt, und in einem dynamischen, gemeinsam getragenen Prozess in den globalen Zusammenhang des gegenwärtigen Umbruchs der Kulturen transferiert.

Unser Thema: Die Zelebrierung verflochtener Geschichte(n)
Norden und Süden bzw. Orient und Okzident, aber auch unterschiedliche Kulturen innerhalb des Orients oder Okzidents sind dringend darauf angewiesen, dass die Wandlungsfähigkeit, Vielschichtigkeit und eine Fusion der Kulturen anerkannt, gefördert und positiv wahrgenommen werden.

Im Jahr 2010 begaben sich rund sechzig Musiker aus Deutschland, dem Jemen, dem Libanon, Österreich, Marokko, Palästina, und Syrien auf dem Festival Junger Künstler in Bayreuth auf die Spurensuche nach dem Parsifal-Mythos, seinen jüdisch-arabischen Wurzeln und seiner musikalischen Rezeption vom Mittelalter bis zu Richard Wagner. Ein Jahr zuvor begegneten sich fünfzig deutsche, irakische, libanesische, palästinensische und syrische Musiker in der Musik Bachs: Sie interpretierten seine barocken Werke in den lebendigen Traditionen der arabischen Musik und des Jazz neu.

Stilistische Vielfalt als Werkzeug transkultureller Kommunikation
„Orient meets Occident“ in Bayreuth setzt bewusst auf stilistische Vielfalt. Westliches klassisches Repertoire begegnet auf Improvisation basierenden Stilen wie dem Jazz. Europäische Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock wird mit traditionellen orientalischen Musikstilen in ihren regionalen Ausprägungen verglichen. Neue Musik aus dem Orient wird gleichberechtigt mit der europäischen Avantgarde behandelt. Eine bunte Kette aus vielfältigen musikalischen Stilen dient dazu, den TeilnehmerInnen der Workshops die Spannungspole Orient und Okzident, Tradition und (Post-) Moderne, Heimat und Fremde bewusst zu machen und sie darin zu schulen, vorgefertigte Bilder zu hinterfragen.

Musikalisch verstehen wir dabei den Begriff „interkulturell“ in einer erweiterten Definition, denn die allgemein verbreitete Aussage, dass Musik eine global verständliche Weltsprache sein kann, ist in der realen Musikwelt nur sehr begrenzt gültig. Unterschiedliche musikalische Traditionen und Stile besitzen ihre sehr spezifischen Kommunikations- und Organisationsstrukturen. Zum Beispiel musizieren JazzmusikerInnen und klassische MusikerInnen nicht nur in unterschiedlichen musikalischen Sprachen; auch ihre verbale Kommunikation ist letztlich ein „Fachchinesisch“, welches außerhalb des jeweiligen spezifischen Berufskreises kaum verständlich ist. Die Erfahrungen unserer Arbeit zeigten, dass MusikerInnen aus dem Orient und aus Europa, die einen ähnlichen musikalischen Hintergrund teilen (z.B. auf Jazz spezialisiert sind), dagegen relativ leicht und ohne Hemmungen miteinander kommunizieren, denn sie sprechen eine gemeinsame musikalische Sprache. Dagegen haben MusikerInnen aus dem gleichen Land, die unterschiedliche künstlerische Hintergründe haben, oft große Kommunikationsprobleme. Das betrifft z. B. bereits das Zusammenspiel und die verbale Kommunikation zwischen Barockspezialisten und Mitgliedern herkömmlicher westlich-klassischer Orchester.

Hinter dieser Hemmschwelle verbirgt sich aber auch eine große Chance, denn MusikerInnen definieren sich meist zunächst über ihren musikalischen Hintergrund. Deshalb haben in der musikalischen und verbalen Kommunikation mit „Gleichgesinnten“ andere, z.B. politische und religiöse Differenzen zunächst keine Priorität. Das genuine Interesse, gemeinsam Musik zu schaffen, ist zunächst meist drängender als das Bedürfnis nach Ab- und Ausgrenzung. Auch wenn Differenzen später verbalisiert werden, entschärft das Interesse an der gemeinsamen Musik fast immer den Konflikt, auch wenn es „nur“ darum geht, das musikalische Zusammenspiel nicht zu gefährden. Auch wenn MusikerInnen eine neue und gänzlich fremde Stilistik kennen lernen wollen (z.B. bei der Einführung von JazzmusikerInnen in die traditionelle arabische Musik), steht das Interesse an der neuen Musiksprache im Vordergrund. Potentielle Konfliktthemen treten dagegen in den Hintergrund.

Ein neues, dynamisches und flexibles Konzept: Wurzeln in die Zukunft
In den kommenden Jahren erweitern wir das Konzept der musikstilistisch diversifizierten transkulturellen Kommunikation über den bisherigen Rahmen der „Orient meets Occident“ Workshops, über die Arabische Welt und Deutschland hinaus, ohne auf die dort gewonnenen Erfahrungen zu verzichten: Die nach Bayreuth anreisenden Ensembles, Orchester, Chöre und Bands werden ihre jeweilige musikalische Heimat, ihre musikalische Tradition wie bisher in Konzerten dem lokalen Publikum und den anderen Künstlern vorstellen.

Die Künstler und Ensembles werden aber auch intensiv miteinander kommunizieren: In täglichen Diskussionsrunden stellen sie einander spezifische Elemente ihres Musikverständnisses und ihrer Musikpraxis vor und vergleichen sie miteinander. Wie unterscheidet sich z.B. das Konzertleben in China von dem in Deutschland? Wie werden Programme entwickelt, wird Publikum aktiviert?

In Meisterklassen wird es um Details der regionalen Musiktraditionen gehen:
Wie unterscheidet sich z.B. das Bild einer westlichen Querflöte von dem des arabischen Nai? Welchen ästhetischen Hintergrund haben die Instrumente in ihren Heimatkulturen? Wie gehen die spezifischen Musiker an die Aufgabe heran, ihr Instrument zu meistern? Was bedeutet Ornamentik/Verzierungskunst in der spezifischen Musikkultur? Wie wird sie eingesetzt? In spielerischer Weise erweitern sich dabei Erfahrungshorizont und musikalische Handwerkskunst der Teilnehmenden und der Zuhörer.

Die Künstler und Ensembles werden bei ihrer transkulturellen Begegnung von einem Expertenteam begleitet, welches praktische Erfahrungen in transkultureller Kommunikation hat und ein breites Spektrum an Theorie und Praxis in verschiedenen Musikkulturen vertritt.

In einem weiteren Schritt entwickeln wir gemeinsames Repertoire. Auch dabei werden die beteiligten spezifischen Musikkulturen respektiert. Gleichzeitig können die MusikerInnen jedoch ihren musikalischen Erfahrungshorizont erweitern.

Wir nutzen dabei die Techniken der „Spontanen Komposition“ und des „Konzeptuellen Arrangements. Vorhandenes Repertoire wird dekonstruiert, in neue Zusammenhänge gesetzt. Dabei verzichten wir auf herkömmliche musikalische Notation und üben das Kommunizieren, verbal und nonverbal, im Jetzt des musikalischen Geschehens.

Dieser Prozess wird vom Team der Toningenieure dar Musikhochschule Düsseldorf aufgezeichnet und abschließend veröffentlicht.

Die Wurzeln der unterschiedlichen Musikkulturen verflechten sich. Es entsteht eine neue Gattung von „Weltmusik“, die nachhaltig und mit Respekt für die Vielfalt der Kulturen in die globale musikalische Zukunft wächst. Aus der wir alle lernen.

Dr. Vladimir Ivanoff