„Reise zu unerreichbaren Orten“ - Musik von Gurdjieff, Satie und anderen Reisenden

DAS ZENTRUM - Äußere Badstraße 7a, 95448 Bayreuth

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Musik von Gurdjieff, Satie und anderen Reisenden
Ottavia Maria Maceratini, Piano / Dr. Vladimir Ivanoff, Perkussion

Erik Satie und George Ivanovitch Gurdjieff: zwei Pilger der Seele und Brüder im Geiste.
Gurdjieff erzählt in seinen Klavierwerken von Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen auf seiner zwanzigjährigen Reise durch den Orient, die vielleicht nie stattgefunden hat. Die „Tänze der Derwische“, „Gesänge und Rituale der Nachkommen des Propheten“ und „Orientalischen Melodien“, obwohl teilweise sogar für obligate Begleitung mit Rahmentrommel komponiert, sind keine sklavischen Aneignungen traditioneller ethnischer Musiken. Sie transformieren die Archetypen alter spirituell-musikalischer Traditionen des Orients auf das archetypische Instrument Europas, das Klavier, um Fragen zu beantworten, denen sich Orient & Okzident nur gemeinsam stellen können. Ein westöstliches Ritual für die moderne Kathedrale postmoderner Gläubigkeit: den Konzertsaal.

Satie sucht im Paris des Fin de Siècle das antike Griechenland und die glücklichen Ufer Asiens. Er versucht umzukehren, versenkt sich in die Vergangenheit und Ferne, er erschafft sich das Mittelalter, die Mystik, Religion und den Orient als per¬sönliche psychologische Landschaften, um - gleich uns - endlich zu erkennen, daß es nur eine Liebe aus der Ferne sein kann, gleich dem „amor de lonh“ der mittelalterlichen Troubadoure.

George Ivanovitch Gurdjieff ist eine der schillerndsten und rätselhaftesten Figuren in der spirituellen Szene des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er wurde wahrscheinlich zwischen 1866 und 1877 im damaligen Grenzgebiet zwischen der Türkei und Rußland geboren. Seine Herkunft und viele Jahre seines Lebens sind nicht dokumentiert. Gurdjieff neigte dazu, Geschichten und Menschen zu erfinden. Doch wird er tatsächlich einige seiner Reisen durch Asien und Nordafrika unternommen haben, wodurch er viele unterschiedliche esoterische Schulen kennen lernte, vor allem sufistische Orden. Sicher ist, daß er in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts nach Europa zurückkehrte und ein Wissen mitbrachte, das dort bis dahin weitgehend unbekannt war, sowie eine Lehre, die auf den Erfahrungen und Erkenntnissen seiner Reisen beruhte. Er begann seine Lehrtätigkeit in Moskau und St. Petersburg, mußte aber während der Revolution 1918 fliehen und erreichte mit einer Gruppe seiner Schüler nach einer abenteuerlichen Odyssee schließlich Frankreich. In der Nähe von Fontainebleau bei Paris gründete er sein „Institut für die Harmonische Entwicklung des Menschen“. 1933 siedelte Gurdjieff endgültig nach Paris um, wo er bis zu seinem Tode 1949 weiter lehrte und umfangreiche Schriften verfaßte. Zusammen mit dem Komponisten und Pianisten Thomas de Hartmann schuf Gurdjeff zwischen 1924-1927 zahlreiche Klavierwerke, zum großen Teil auf Grundlage der spirituell-musikalischen Eindrücke, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte.

Gurdjieffs Lehre enthält mystische Elemente aus Sufismus, Buddhismus, Christentum, Gnosis, der Lehre Zoroasters und der Kabbala. Sein Aufruf war radikal: „Wach auf! Wach auf von Deinem unvermuteten hypnotischen Schlaf, zu Bewußtsein und Gewissen.“ Genau dieser Ruf ist eine der wichtigsten Grundlagen des Sufismus. Gurdjeff hatte 1920 zusammen mit seinem Schüler und musikalischen Partner Thomas de Hartmann in Istanbul eine Wohnung in unmittelbarer Nähe des Versammlungsraumes der Mevlevi-Derwische von Galata bezogen. Dort beobachteten sie beinahe täglich das musikalisch-tänzerische Ritual des Sufi-Ordens und nahmen entscheidende spirituelle und musikalische Eindrücke auf ihre weiteren Reisen mit, die später in ihre rituellen Tanzchoreographien und Klavierwerke Eingang fanden.

Erik Satie war ein eifriger Leser mit hohem Interesse an mystischer Religiosität, Gregorianischem Choral, Gotischer Kunst und dem Leben der Heiligen. Seine Studien mittelalterlicher Kunst und Musik verbanden sich mit dem glühenden Interesse für Mystik und Esoterik zu einem kompositorischen Frühwerk, welches man mit dem Begriff "neogotisch" bzw. “neogriechisch” umreißen kann. Deutlich ist seine Anlehnung an das hochmittelalterliche Parallel¬organum und an die französische 'Ars Nova' des 14. Jahrhunderts zu erkennen.

Saties Frühwerk ist der Abschluß einer byzantinisierenden neogotischen Bewegung in der Musik, die in Frankreich durch das ganze 19. Jahrhundert zu verfolgen ist und mit Satie und Debussy ihre Höhepunkte erlebt.

Die "Gymnopédies" (1887-8) lehnen sich mit ihrem Titel an die Tänze an, die Jünglinge im antiken Sparta zu Ehren von Diana und Apollo beim Gedenken an die Gefallenen der Schlacht von Thyrea aufführten. Ihre archaischen Melodien schweben über einer modal orientierten Harmonik. Sie sind inspiriert von der "Neogrec"-Mode, einer Verzauberung durch die orientalisch-antike Atmosphäre, die sich un¬ter Napoleon III. entwickelte.

Die "Gnossiennes" (1889-91) gehen mit ihren Melodien im antik-griechi¬schen chromatischen Modus (a-ges-f-e-des-c-h-a) und den arabesken Verzierungen in der "Orientalisierung" noch weiter. Anregungen mediterraner Musik könnte Satie anläßlich einer Reihe von Aufführungen "außereuropäischer" Musik unter dem Titel "Musiques bizarres" auf der Pariser Weltausstellung empfangen haben.

Satie identifizierte sich in seiner damaligen Ideen- und Gefühlswelt mit den Vorstellungen von Joséphin Péladan / Sâr Merodack, dem Gründer des "Ordre de la Rose + Croix du Temple et du Graal". Péladan übte mit seiner Mischung aus Okkultismus, Bizzarerie, Idealismus und Kitsch großen Einfluß auf viele Pariser Intellektuelle aus. Er setzte Mystik und Magie gegen Bewußtheit und Wissenschaftlichkeit. Triebfeder war für Péladan wie auch für die früheren Rosenkreuzer die Kritik an der Gegenwart. Er verherrlichte das Mittelalter und träumte sich zurück in das "Morgenland, das ursprüngliche Vaterland” und behauptete gar ein Nach¬komme der babylonischen Könige zu sein. Die Gegenwart war in seinen Augen krank. Heilung versprach er sich von einer Rückwendung zum Spirituellen, aber auch zum Okkulten, zur Mystik und Magie: "Das Kunstwerk soll ein Gebet sein, das Geschöpf und Schöpfer ver-eint".

Satie wurde 1890 "offizieller Komponist" des "Ordre de la Rose + Croix". Mit seinen Kompositionen für den Orden schuf er die wohl heraus¬ragendsten Rosenkreuzer-Musiken und entwickelte eine einmalige persönliche Kompositionstechnik, die seiner ge¬samten weiteren Arbeit dienen sollte. Nach dem dramatischen Bruch mit Péladan gründete er eine eigene Kirche, deren einziges Mitglied er war: "Eglise Métropolitaine d'Art de Jésus Conducteur".

In Saties Frühwerken werden ungewöhnliche harmonische Fortschreitungen - auch durch ihre Verbindung mit antikisierenden bzw. orientali¬sierenden Melodien - in archaischer Einfachheit präsentiert. Saties harmonische Extravaganz scheint zwar in schroffem Gegensatz zu seiner archaischen Melodik und den einfachen Formen zu stehen, ist aber, als Emanzipation der Dissonanz gegen den tonalen Fortschreitungs- und Auflösungszwang verstanden, eine hartnäckige und provokante Verweigerung jeder Art von Entwicklung.
Im Zeichen der Mystik entwickelt, die auf Aufhebung des Zeitgefühls zielt, konnte sie ihm später, nach dem Bruch mit Péladan, für gänzlich andere Ziele dienen.

Dr. Vladimir Ivanoff

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